Donnerstag, 1. Oktober 2009

MfS kontrollierte psychisch Kranke

Das Foto mit dem Schmetterling symbolisiert: Freiheit. Den DDR-Bürgern, ob krank oder gesund, wurde sie verwehrt. Es gab sogar Wegsperrlisten für psychisch Kranke: Die Neubrandenburger Bezirksverwaltung des MfS, Abteilung XX, Referat 1, „beauflagte“ nach MfS Aktenvermerk vom 20.8.1980 (BStU-Kopie, ASt. Neubrandenburg, ZMA 5684/92/II) den Bezirksarzt, „alle psychisch gestörten Bürger des Bezirkes listenmäßig zu erfassen“. Diese Forderung wurde „über den 1. Sekretär der SED Bezirksleitung durchgestellt“. Das MfS notierte am nächsten Tag: „Es wird so orientiert, daß alle psychisch geschädigten Bürger (...) stationär aufgenommen werden bzw. eine Fürsorgerin erhalten, die gewährleisten, daß diese Bürger unter ständiger Kontrolle stehen." Dieser Aktenvermerk enthält zusätzlich den Hinweis „am 22.8. ... Beratung mit allen Kreisärzten". Nach Aktennotiz wurden diese Maßnahmen in „Vorbereitung des 28.8/29.8.80“ getroffen. Diese zitierten Daten geben Anlaß zu der Vermutung, dass es hier um die „Absicherung“ einer operativen Maßnahme ging. Ob die Krise in Polen im Herbst 1980 ein Auslöser dafür war, an einem Wochenende die Durchsetzung von Einschränkungen der Bewegungsfreiheit von psychisch Kranken zu prüfen, konnte bislang nicht geklärt werden. In „Politisch mißbraucht? Psychiatrie und Staatssicherheit in der DDR“ (Ch. Links Verlag) erklärt die Autorin Sonja Süß: „Die von einem oder mehreren nicht genannten Mitarbeitern der MfS-Hauptabteilung XX/1 formulierten Wünsche, Ärzte zur Meldung von psychisch Kranken an die Sicherheitsorgane zu verpflichten, sind in der DDR nie Wirklichkeit geworden.“ Offensichtlich gab es aber in den Bezirks- und Kreisdienststellen des MfS übereifrige Bestrebungen, insbesondere unter dem Aspekt der „öffentlichen Ordnung und Sicherheit“, Personenlisten über psychisch Kranke anzulegen.

Kommentare:

  1. Ich möchte diesen Kommentar nutzen, um Ihnen für ihre Berichte und diese Seite zu danken. Es ist ein Thema, dass in den Medien und in der Publizität keinen prominenten Rang besitzt, dessen Kenntnis aber sehr wichtig ist, will man den Charakter der Unterdrückung im System DDR verstehen, will man den Charakter der Psychatrie in der Vergangenheit verstehen. Im real existierenden Sozialismus war das Individuum total ausgeliefert, einem totalitär-kafkaeskem Disziplinar - und Foltersystem. Danke, dass Sie darüber aufklären. Es ist wichtig, uns zu ermahnen,auch in der Gegenwart gegen das Vergessen oder gar Wiederholen der Verbrechen zu kämpfen.
    Warum ist diese Seite nur (noch) nicht mehr frequentiert?
    Mit freundlichen (und dankbaren) Grüßen
    T. Wenn

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  2. @ T.Wenn - Ich denke, weil noch viele anonym bleiben wollen, wie ich...und ich denke auch, das diese Seite sehr viele lesen!!

    Lothar, danke hierfür, mir hilft das sehr weiter, momentan bin ich noch auf der Suche, fühle aber, das ich sehr nah dran bin...
    Liebe Grüße!

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