Sonntag, 31. Januar 2010

Auszug aus meiner Biografie: " Ich flog über`s DDR Kuckkucks -Nest "
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, lag ich in einem Bett. Über mir war ein Netz so gespannt,dass ich mich nicht auf die Seite drehen konnte. Mein erster Gedanke war: "Wo bist du hier gelandet?" Ich bekam sofort mit, dass man mich nach den beiden Spritzen verlegt hatte. Von den beiden verabreichten Spritzen war ich immer noch betäubt. Ich hatte keinerlei Ahnung wo ich war. Es sprach keiner mit mir. Ich lag in einem Saal mit ungefähr 12 Betten. Das Licht brannte Tag und Nacht. Um mein Bett standen merkwürdige Leute, die mich wortlos ansahen. Beim Anblick der Leute bekam ich ein unruhiges Gefühl. Hier waren nur Pfleger zu sehen und auf meine Frage, wo ich denn sei, bekam ich erst nach sehr langer Zeit eine Antwort. Ich war auf der P4. Das war eine geschlossene Station. Heute würde man sie Forensik nennen. Eine Station zusammengesetzt aus Verbrechern, Sexualstraftätern, geistig Behinderten und Alkoholikern, sowie politisch Auffälligen. Dazu mußte ich mich wohl zählen. Man bekam in diesem Raum, den man Wachstation nannte nicht mit, in welcher Tageszeit man sich befand. Man konnte nicht nach draußen sehen. Die Fenster waren aus Milchglas. Sie ließen sich nur einen kleinen Spalt öffnen. Ein älterer Mann ohne Zähne und mit aufgeschlagener Augenbraue sagte mir, ich wäre eingesperrt, aber wenn ich ruhig wäre, dann würde mir nichts passieren. Bei dem Wort "eingesperrt" bekam ich Panik. Ich schrie aus Leibeskräften und rüttelte am Netz. Mir war schon klar, dass man mich gefangen hielt. Ich wollte raus aus dem Netzbett. Nach einer langen Zeit kamen zwei Pfleger und ich dachte tatsächlich, sie würden mich befreien. Sie packten mich links und rechts und ein dritter spritzte mich in den Bauch. Danach war ich bewustlos und bekam gegen meinen Willen Elektrikschocks. Davon erfuhr ich erst nach der Wende aus meiner Krankenakte. Dieser Vorgang wiederholte sich mehrfach.Immer wenn sie kamen hatte ich unheimliche Angst, trotzdem wehrte ich mich jedesmal. Das war aber zwecklos. All das ist geschehen, ohne dass mir die Gelegenheit gegeben wurde, mit einem Arzt zu sprechen. Außer einer Ärztin anfangs habe ich keinen am Netzbett gesehen. Später finde ich in meiner Krankenakte Gutachten ausgestellt von drei Ärzten. Zwei Ärzte, die ich nie gesehen habe, kommen zu der Feststellung, dass ich an paranoider Schizophrenie gepaart mit Verfolgungswahn leide. Die Ärztin, die bei mir am Bett war stellt fest: "Bei dem Jugendlichen handelt es sich um eine unreife Persönlichkeit." Mit meinen Worten heisst das, der Mann ist nicht krank. Das Einweisungsgesetz der DDR für die geschlossene Psychiatrie schreibt vor, dass drei übereinstimmende Gutachten vorliegen müssen um einen Patienten geschlossen unterbringen zu können. Das war bei mir nicht der Fall. Zwei Personen aus meinem engsten Umfeld geben bei der Einweisung zu Protokoll: "Lothar besitzt eine mittelmäßige Intelligenz, spricht verstärkt dem Alkohol zu und leidet an Verfolgungswahn." Es konnte keine gerichtliche Einweisung erfolgen. Ich sollte mich Monate lang illegal in der geschlossenen Forensik aufhalten. Ich sollte durch gezielte " Behandlung " politisch mundtot gemacht werden. Ich wurde lange Zeit nicht richtig versorgt. Die Versorgung bestand in einer Schnabeltase mit Flüssigkeit. Es gab täglich zu trinken aber nichts zu essen. Sporadisch ebenfalls in der Schnabeltasse durch das Netz gereicht, Suppe. Das hatte so glaube ich den Zweck, mich von meiner jahrelang antrainierten Kraft zu befreien. Man hungerte mich ab. Dazu kamen täglich ca. 30 Tabletten Psychopharmaka, die eine verhängnisvolle Wirkung hatten. Ich befand mich in einem Zustand, als hätte ich Rauschgift zu mir genommen. Die Tabletteneinnahme erfolgte durch den Pfleger persönlich mit Mundkontrolle. Auch gab es unkontrollierte Zustände. Gewaltausbrüche wechselten sich mit Schwächeanfällen oder mit Depressionen ab. Nach einer ganzen Weile, ich weis nicht wie lange, dachte man ich würde keinen Widerstand mehr leisten. Es war wirklich so, dass ich regungslos im Netzbett lag und sie anflehte mich rauszulassen. Sie sollten mir sagen, was ich denn getan hatte. Man hörte sich alles an, was ich erzählte,aber man antwortete mir nicht.
Am 13.12.1981, ich lag immer noch unter dem Netzbett, hörte ich aus einem kleinen Radio eines Mitinsassen, dass der Bundeskanzler Herr Schmidt in Güstrow von Honecker verabschiedet wird. Ein Mann so um die dreißig kam zu mir ans Netz und fragte, ob ich auch weggefangen wurde? Mir fiel auf, dass die Station besonders voll war und sehr viele standen bei den Netzbetten und beobachteten, wie sich die Insassen verhielten. Es passierte auch nichts. Ich glaube auch, die ständigen Strombehandlungen zeigten ihre Wirkung. Nach einigen Tagen kam man zu zweit an mein Bett und begann das Netz aufzuknüpfen.